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Barbara

Wolle und Stricken

Barbara

Wollsucht oder Sehnsucht?

Zugegeben, ich besitze bereits jede Menge Wolle, vermutlich mehr als ich in meinem Leben verarbeiten kann. Trotzdem kann ich an keinem Wollgeschäft vorbeigehen. Nirgends. Im Urlaub nicht und auf Dienstreisen auch nicht. In meiner Heimatstadt sowieso nicht. Da gehe ich immer mal schauen, was es neues gibt. Von Online-Angeboten ganz zu schweigen. Da begegnen einem auch solche Schönheiten, die man noch nie gesehen hat. Man möchte sie haben und befühlen und plant schon, was man daraus machen könnte…… ach, wenn man nur mehr Zeit hätte. Kaufen geht so viel schneller als Stricken. Je nach Lust oder Frust oder Finanzlage wird der Vorrat aufgestockt.

Es soll auch Strickerinnen geben, die ein Modell sehen oder ein Outfit planen und dann die Wolle dafür kaufen. Und an diesem Projekt arbeiten bis es fertig ist. Und dann kommt das nächste. Ich kenne allerdings keine. Meine Freundinnen haben alle einen mehr oder weniger großen Vorrat. Die meisten arbeiten auch an mehr als einem Projekt gleichzeitig. Ein kompliziertes für zuhause und ein einfaches für unterwegs. Oder Socken zur Entspannung.

Sind wir alle wirklich wollsüchtig? Ich weiß es nicht. Raucher z.B. würden eher nichts zu essen kaufen als auf Zigaretten zu verzichten. Drogenabhängige werden kriminell. … Ich kenne keine Strickerin, die eher verhungert wäre als auf Wolle zu verzichten. Die meisten Strickerinnen, die ich kenne sind gleichzeitig lebenslustig, kochen oder backen und essen auch gern, sind meist fröhlich und gesellig. Und eher großzügig als kriminell.

Was ist es dann? Es ist der Kontrast zum Alltag. Zuhause zieht immer mehr Technik ein, um uns den Alltag zu erleichtern. Wir sind umgeben von preiswerter Massenware. Immer mehr Menschen arbeiten in Büros und gehen dort eher abstrakten und anonymen Tätigkeiten nach. Ich bin z.B. mit einer Kommunikationsfachwirtin befreundet. Wissen Sie was das ist? Ihr jüngster Sohn sagte ihr neulich, dass er in der Schule immer sage, sie sei Kassiererin im Supermarkt, weil er nicht erklären könne, was sie macht.

Wolle ist erfahrbar auf allen Kanälen. Sichtbar schön, fühlbar weich. Sie ist Balsam für die Sinne. Wolle bietet so viel Möglichkeiten. Die Arbeit mit den Händen ganz konkret, das Ergebnis, das man sehen kann, das Kreative, die Farbigkeit und das Individuelle. All das steht im Kontrast zu unserem sonstigen Alltag. Ich glaube deshalb, dass wir in einer Welt aus gleichen Produkten und Abstraktion und Technik Sehnsucht haben. Sehnsucht nach Individualität, nach schönen Dingen und nach Konkretem.

Wer einmal die Freude und Zufriedenheit gespürt hat, etwas Eigenes und Individuelles geschaffen zu haben, der kann durchaus danach süchtig werden. Egal, ob das Eigene aus Holz, Leder oder Wolle ist. Wolle ist einfach zu verarbeiten und kann überall mitgenommen werden. Ein großer Vorteil. Und am Ende kann man das entstandene Werk auch noch anziehen und für Jahre tragen. Es erinnert uns lange an das Schöne und bringt uns täglich Freude.

Liebe Grüße

Barbara aus Berlin

Eine Antwort

  1. Lydia Prell sagt:

    Der Beitrag spricht mir aus der Seele. Ich hätte es nicht besser in Worte fassen können und erkenne mich selbst. Mit stricken und meinen Tieren kann ich den schweren Alltag mit meinem schwer pflegebedürftigen Mann gut meistern und bin zufrieden auch wenn das viele Menschen in meinem Umfeld in Erstaunen versetzt.

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