„It started out as a harmless hobby – i had no idea it would come to this“

Menschen, die sportliche Erfolge sammeln, werden bewundert.
Frauen, die Schuhe sammeln, werden akzeptiert.
Menschen, die Müll sammeln, sind krank.
Frauen, die Medikamentenrezepte fälschen, um Handtaschen zu sammeln, sind kriminell.
Frauen, die Wolle sammeln, tun dies im Verborgenen.

Ihre Schätze sammeln sie, wie alte Drachen, in Geheimverstecken, „Stash“ genannt.

Und ich glaube, behaupten zu können, dass es nur Frauen sind, die sich nicht trauen, zu ihrer Leidenschaft für Wolle zu stehen. Ein Mann, der Wolle sammelt, ist sich seiner Exklusivität sicher. Er zelebriert seine Sammelleidenschaft, kommt wie ein erfolgreicher Jäger von einer Wollmesse, fachsimpelt, was das Zeug hält und wird am Ende Besitzer eines Wollladens.

Frauen gönnen sich noch nicht mal das Vergnügen, die erworbenen Schätze, und das sind sie ja allemal, zu präsentieren. Sie werden, in Kartons gestopft, im hintersten Schrank versteckt, damit der Gatte sie ja nicht findet. Welche Frau hat den Mut und den Platz für ein eigenes Strickzimmer?

Während Jäger ihre Trophäen an die Wand hängen, Golfer viele Hundert Euro für die Ausrüstung ausgeben (nur die Bälle sind günstiger als manches Knäuel Yakgarn), werden Strickerinnen ins Abseits geschoben, ihre künstlerischen Kreationen als „Handarbeit“ belächelt und ihnen wird jegliche Anerkennung von Nichtstrickern verweigert.

In einem empfehlenswerten Artikel über „Das Sammeln aus psychologischer Perspektive“1 von Dieter Frey, Professor für Sozialpsychologie der Uni München, fand ich folgende Zitate:

 

  1. “Die Menschheit würde nicht überlebt haben, ohne zu sammeln“

Na also, durch unser sorgsames und kontinuierliches Sammeln sind wir im Ernstfall in der Lage, neben Familie und Freunden noch andere Menschen mithilfe von Strümpfen und Wollmützen zu retten. Und schön und individuell sind diese dann auch noch, weil wir „es“ ja können

  1. 2. „Es gibt vermutlich kein Objekt, das nicht von irgendwelchen Menschen auf dieser Welt gesammelt wird“

Wolle ist kein Objekt, es ist ein Wunderwerk der Natur. Forsche mal im Internet nach den Eigenschaften von Wolle und Du wirst staunen.

  1. „Sammeln ist aber oft auch eine stark sozial geprägte Aktivität. Die besten Freunde und Bekannte sammeln, also beteiligt man sich und wird von der entsprechenden Gemeinschaft akzeptiert.“

Die Freude, die Bewunderung, die Hilfsbereitschaft und der Zusammenhalt in einem Stricktreffen sind einmalig und äußerst wohltuend.

  1. „Sammeln kann auch eine Flucht bedeuten, vor allem, wenn Menschen sich im Chaos der Realität nicht behaupten können. Man findet so eine Insel oder Nische, auf die bzw. in die man sich zurückziehen kann.“

Stricken, ist in der Lage, mich aus meinen Problemen zu befreien und mir in verschiedenen Genesungsprozessen helfen.
Stricken heilt von innen raus“ sagt Betsan Corkhill.
Ich lege euch Ihr Buch „Mit Stricken gesund und glücklich werden“ aus dem Topp-Verlag allerwärmstens ans Herz. Es gehört zu den Werken, die meinen Stash nie verlassen werden.
Oder informiert Euch auf der Seite von Stitchlinks (www.stitchlinks.com). Frau Corkhill betrachtet das Stricken aus therapeutischer und wissenschaftlicher Seite. Keine Angst, es ist leicht zu lesen.
Kommen wir nun zum Sammeln zurück.

  1. „Sammeln ist häufig mit Anstrengung und nicht sichtbarer Arbeit verbunden, führt jedoch zu wichtigen Erkenntnissen.“

Anstrengend ja, aber kein Stress. Außer man findet nicht das gewünschte Garn, dafür aber zehn andere, die man unbedingt kaufen möchte.
Durch unser Sammeln erkennen wir, welche Farben wir lieben, welche Materialien wir bevorzugen, welche Auswahl mancher Produzent hat und wir lernen ständig Neues. Dazu müssen wir nicht nur Wolle, sondern auch die nötige Fachliteratur sammeln.
Eine Art Schlusswort aus dem Artikel:
„Hier (beim Sammeln von Wolle) spielen Spaß und Freude an der Tätigkeit eine große Rolle. Wer keine Erfüllung darin sieht,(…), wird es nicht auf Dauer tun.“

Wolle macht Freude, Stricken erfüllt mich, jedes Detail meines Hobbys macht Spaß! (Ok, Aufribbeln und Fehler korrigieren eher nicht, aber auch das führt wieder zu wichtigen Erkenntnissen.s.o.)

 

Laut den Legenden wissen Drachen nicht, warum sie sammeln. Wir Strickerinnen schon. Wir lieben es. Es macht uns glücklich, es erfüllt uns mit großer Freunde, die Farben zu sehen und die Wolle in die Hand zu nehmen und sie zu streicheln. Es ist ein Stück Luxus, den wir uns leisten. Es entspannt, es macht gesund.

Liebe Mitstrickerinnen: Lasst uns nicht mehr wie Gollum, aus dem „Herrn der Ringe“, in dunklen Höhlen unseren Schatz hüten. Tragt stolz eure Tüten nach Hause. Präsentiert eure neue Wolle. Geht mit vielen Anderen zu Wollfesten und Stricktreffen. Gründet neue Strickgruppen. Verfrachtet den Gatten, zusammen mit seiner Golfausrüstung, ins Gartenhaus. Aber nicht ohne selbstgestrickten Wollpullover und -decke, denn Strickerinnen sind fürsorgliche Menschen. Und richtet euch dann ein Strickzimmer ein. Füllt eure Schränke mit Wolle. Und seid glücklich.

 

Eure Simone Rösler „Knitting Nurse“, Juli 2017

 

1 (Das Sammeln aus psychologischer Perspektive, Aus Forschung und Lehre, April 2004 / https://www.academics.de/wissenschaft/das_sammeln_aus_psychologischer_perspektive_52381.html)

Fotos: © Simone Rösler

5 Kommentare

  1. Wie wahr. Stricken ist für mich in eine wunderbare Beschäftigung. Stricken ist Entspannung, Inspiration und Ausgleich nach einem anstrengenden Arbeitstag.

  2. Bin begeistert, ich selber stricke zZ nicht, aber dafür schneidere und Nähe Kleider , habe Raum dafür und meine Tochter macht mit , alle in der Familie profitieren davon , es macht mich glücklich und zufrieden , ich habe mein Mann beigebracht, dass er Respekt vor mein Hobby entwickelt sollte. Ich habe für meine Rechte und Freiheiten gekämpft, es hat sich gelohnt. Ich kaufe gern Stoffe und Wolle , habe auch einen lieben Menschen der für mich strickt da ich nur nähen oder Stricken kann. Liebe ❤️ Grüße an alle Handwerker/ inen

  3. Ein wirklich toller Beitrag, den ich gerne teile.

    Auch wenn ich für mich den „Luxus“ besitze und dank meinem lieben Mann ein echtes eigenes Wollzimmer mit großen Schränken besitze, so werde ich im Freundes- und Familienkreis eher belächelt und in der Region, in der ich zu Hause bin, wird das Hobby Stricken so gut wie gar nicht ausgeübt. Dein Hinweis auf das Buchr finde ich auch klasse, ich wusste gar nicht, das es so etwas gibt und werde es mir bestimmt zu legen. Liebe Grüße von einer Mitbloggerin

    1. Liebe Heike, in welcher trostlosen Gegend wohnst du? Kannst Du vielleicht eine eigene Strickgruppe ins Leben rufen?
      Durch das Buch von Frau Corkhill habe ich eine neue Sicht auf unser Hobby bekommen. Schon das Lesen ist wohltuend und mutmachend. Und ich kann bestätigen, dass mich das Stricken in schwierigen Situationen dabei unterstützt hat, seelisch gesund zu bleiben. Auch an Tagen, wo das Chaos herrscht, wo keine Sonne in den geliebten Garten kommt, wo selbst der Hund nicht raus mag, wo Kopf und Augen einfach zu müde sind, da gehen immer noch ein paar Reihen. und wenn es kraus rechts ist. Und die „Seele“ kommt zur Ruhe. So einen Notnagel hab ich immer liegen.
      Ich grüße Dich ganz lieb und werde mir noch einige reihen gönnen, bevor ich kochen muss.

  4. Wunderbarer Beitrag. Der andere Blick auf das Sammeln gefällt mir.
    Und wie immer: wenn zwei das gleiche tun, ist es nicht dasselbe: Trophäensammler werden bewundert, Wollknäuelsammler werden belächelt.
    Vielen Dank für den Links und Literaturhinweis.

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