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So gelingt euer Strickmodell

So gelingt euer Strickmodell

Und weil ich gerade viele neue Strickanleitungen veröffentliche und es zum Thema passt, hier nochmal sehr ausführlich. Für Anfänger. Oder zum Auffrischen. Hatte ich mal für eine Zeitschrift geschrieben, aber es ist zu schade, um in der Versenkung zu verschwinden.

3 Schritte für eine erfolgreiche Vorbereitung

Du kaufst dir eine Strickzeitung, machst es dir gemütlich bei Kaffee oder Tee und fängst an zu blättern. Ein Vergnügen, das das Internet, bei all seinen Vorzügen, nicht bieten kann. Schon beim ersten Durchgang  bleibt dein Blick an einem Foto hängen, an einem Strickmodell, das etwas in dir berührt und den Wunsch weckt, es nachzustricken. Du beschäftigst dich näher damit, gehst innerlich in die Planung und es entsteht Vorfreude – auf den Strickspaß, auf die Gelegenheiten, bei denen du das fertige Modell tragen wirst. All die wohltuenden Gedanken rund um das Stricken und das spätere Tragen laufen innerlich ab, oft ohne großes Zutun des Verstandes, ganz von selbst. Dann steht das nächste Vergnügen an: der Wolleinkauf. Ein Vergnügen, das nie langweilig wird, oder warst du schon einmal des Wollekaufens überdrüssig? Zu schön ist das Schwelgen in Farben und in Materialien. Dann schnell mit den erworbenen Schätzen nach Hause und am besten gleich mit dem Stricken anfangen. Ein lustvoller Prozess auf der ganzen Linie.

Ich verstehe das. Ich verstehe das nur zu gut, denn mir geht es genauso. Was denkst du, wie ich zu einem Wollgeschäft gekommen bin? Das nie endende Vergnügen, Wolle einzukaufen, die innere Befriedigung, Wolle mit nach Hause zu nehmen, Begeisterung an Farben, an Rohstoffen und am Griff, Maschen anschlagen: All das sind äußerst sinnliche Erlebnisse, die nie langweilig werden.

Doch dann, und das ist wichtig, kommt ein Zwischenschritt, der dich aus deiner „Vergnügenskette“ herausreißen will. Die Vorbereitung, mit allem was dazu gehört: Maschenprobe, Messen, Rechnen. Ein äußerst trockener Schritt, der die Beschäftigung mit Mathematik, Berechnungen, Fakten erfordert.

Du weißt, du solltst jetzt Disziplin aufbringen, eine innere Stimme mahnt. Doch zu leicht schiebt man sie beiseite, denkt sich, das es schon gut gehen wird; schließlich hälst du doch eine professionelle Strickanleitung in den Händen und das Endergebnis ist ja noch weit weg, man kann ja auch zwischendurch nochmal rechnen und nachmessen, denkst du dir.

Nun …

… es gibt sie, die Strickprojekte, die auch ohne Maschenprobe gelingen. Das können Modelle sein, bei denen die Passform keine allzu große Rolle spielt, oder Zufallstreffer oder du hast viel Erfahrung. Doch selbst ich würde, auch nach 30 Jahren Berufserfahrung, nicht einfach drauflos stricken, wenn ich ein gutsitzendes, passformgerechtes Oberteil haben möchte, das ich lange und gerne tragen kann. Denn wer kennt sie nicht, die Enttäuschung am Ende des Strickens, wenn das Modell fertig ist und es weder gut passt noch gut aussieht, und an Tragen nicht zu denken ist. Profis kennen das Folgende und dieser Artikel wird vermutlich nicht viel Neues bringen, doch ans Herz legen möchte ich es allen Anfängern und Wiedereinsteigern.

Faktoren für das Gelingen eines Strickprojektes

Wenn wir davon ausgehen, dass ein gut sitzendes Modell, das später gerne getragen wird, einem Gelingen von 100 Prozent entspricht, trägt eine sorgfältige Vorbereitung zu rund 30 Prozent dazu bei. Faktoren wie individuelle Strickweise, individuelle Maße oder auch Ersatzwolle statt Originalwolle beeinflussen das Strickergebnis, machen das „blinde“ Abstricken einer Anleitung schwer und müssen im Vorfeld bedacht werden.

Faktoren für das Gelingen eines Strickprojektes in Prozent

Mit dem folgenden Artikel möchte ich dir diese Vorbereitung erleichtern, damit sie ein wenig den Schrecken verliert. Und wer weiß, vielleicht hast du sogar Spaß daran, ein „Vorbereitungsexperte“ zu werden, denn meist macht man nur die Dinge ungern, mit denen man sich nicht gut auskennt.

 

Schritt 1 – Die richtige Größe auswählen

Konfektionsgrößen

Die meisten Strickanleitungen geben Konfektionsgrößen an. Du findest das auch in meinen Anleitungen. Zum Beispiel Größe 36/38, 40/42….oder S, M, L, usw. Die Konfektionsgrößenangabe dient der Klärung, welche Größe gestrickt werden soll und welchen Maschen- und Reihenangaben man daher folgen muss. Doch Achtung! Die Einteilung in Konfektionsgrößen kann nur als grobe Richtlinie benutzt werden. Zum einen ist es von Schnittsystem zu Schnittsystem unterschiedlich, welche Maße hinter den Konfektionsgrößen stecken; auch gibt es von Land zu Land große Abweichungen. Du kennst das:  So entspricht beispielsweise eine italienische Größe 44 in Deutschland einer Größe 38.

Zum anderen gibt es große individuelle Abweichungen bei den verschiedenen Figurtypen. Eine Größe 38 kann von Frau zu Frau sehr unterschiedlich ausfallen. Großgewachsene Frauen haben andere Maße als kleingewachsene, obwohl beide Größe 38 tragen. Auch das kennst du, wenn du beim Einkaufen von Kleidung feststellst, dass dir bei einer Jacke die Größe 40 in den Schultern passt, du aber um die Hüfte herum Größe 42 brauchst.

Das heißt, du solltest die Konfektionsgrößenangaben nur als schnelle Entscheidungshilfe nutzen, um ablesen zu können, wieviel Wolle du brauchst, und dich später genau ausmessen.

 

Körpermaß vs. Schnittmaß

Wenn du mit einem Maßband deine Oberweite ausmisst – am besten im Stehen direkt über der Unterwäsche, Maßband waagerecht über die stärkste Stelle gehalten –, erhälst du das Körpermaß deiner Oberweite. Dieses Maß vergleichst du mit der Maßtabelle am Anfang des Strickanleitungsteils. So kannst du sehr viel genauer die zu strickende Größe ermitteln als über die Konfektionsgrößenangabe.

Doch würdest su einen Pullover mit diesem Maß stricken, säße er hauteng, quasi wie eine Wurstpelle. Es muss also auf das Körpermaß ein Zuschlag gegeben werden, eine sogenannte Weitenzugabe. Wie groß diese Weitenzugabe ausfällt, ist vom Stil des Strickmodells, der Dicke der Wolle, die ja auch aufträgt, und Ihrem Geschmack abhängig. Zum Beispiel kann man für „normal“ weite Oberteile 5-6cm zugeben, oder für Oversize-Modelle 10-15cm. Durch die Weitenzugabe entsteht also aus dem Körpermaß das Schnittmaß der Oberweite. In meinen Anleitungen ist es mit „gestrickte Oberweite“ bezeichnet und deckt sich mit den Zentimeterangaben der Schnittzeichnung. Das heißt, wenn du dein Körpermaß kennst und mit dem gestrickten Maß vergleichst, kannst du abschätzen, wie weit das Oberteil sitzen wird und ob es dir weit genug ist, oder du ggf eine größere Größe stricken möchtest. Um Erfahrungen damit zu sammeln, miss dir  an vorhandenen Pullis oder Jacken die „gestrickte Oberweite“ ab und vergleiche diese mit der „gestrickten Oberweite“ der Anleitung. So lernst du, wie eng ein Oberteil dann tatsächlich sitzen wird.

Ich habe ein Arbeitsblatt dazu entwickelt, auf dem du deine Oberweite eintragen und die Weite eines Modells überprüfen können: Unter folgendem Link kannst du es kostenlos herunterladen: Downloadlink ->

Arbeitsblatt Oberweite

Schritt 2 – Die passende Wolle finden

Im günstigen Fall bekommst du die Originalwolle der Anleitung. Dann kannst du diesen Schritt überspringen und gleich bei Schritt 3 weiterlesen. Doch die Praxis zeigt, dass oft aus vielfältigen Gründen eine Ersatzwolle gefunden werden muss. Vielleicht ist die Originalwolle in deinem Wollgeschäft nicht erhältlich. Oder nicht mehr am Markt. Vielleicht gefällt dir das Material nicht, die Farbpalette entspricht nicht deinem Typ, dir gefällt das Modell, aber du möchtest dickere, dünnere, glänzendere, flauschigere Wolle …. oder oder oder.

Ersatzwolle zu nehmen ist grundsätzlich kein Problem, aber zwei Dinge sind dabei zu beachten: Du musst den Verbrauch ermitteln und kannst nicht die Mengenabgabe der Anleitung übernehmen. Und du musst die Anleitung mit Hilfe der Maschenprobe überprüfen und herausfinden, ob angegebenen Maschen- und Reihenzahlen noch passen – siehe Schritt 3.

Doch zunächst zum Verbrauch: Wenn du eine Ersatzwolle mit der gleichen Lauflänge wie die der Originalwolle findest, kannst du den angegebenen Verbrauch übernehmen. Wenn sich die Lauflängen unterscheiden, musst du umrechnen, dazu ein Beispiel:

Du brauchst 600g Originalwolle; diese hat eine Lauflänge von 150m auf 50g. Sie rechnen: 600g:50g = 12 Knäuel. 12 Knäuel x 150m = 1800m benötigte Gesamt Lauflänge. Die Ersatzwolle hat eine Lauflänge von 180m auf 50g. Du rechnest: 1800m:180m = 10 Knäuel.

Du brauchst also nur noch zehn Knäuel = 500g, weil die Ersatzwolle eine höhere Lauflänge hat.

Schritt 3 – Die Maschenprobe

Du hast nun gemessen, gerechnet und kannst immer noch nicht losstricken, solange die Maschenprobe fehlt. Doch wozu ist die Maschenprobe wichtig?

Der Grundsatz

Solange sich deine Maschenprobe nicht mit der Maschenprobe der Anleitung deckt, kannst du die Anleitung nicht abstricken, sondern musst solange die Variablen, die zur Maschenprobe geführt haben, ändern. Oder du musst die Anleitung umrechnen. Doch eine Strickanleitung umzurechnen ist nicht so einfach – ausgenommen sind die Könner unter euch.

Die Maschenprobe

Die Variablen einer Maschenprobe

Eine Maschenprobe setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: der Wolle, die du nun hast, und der Stricknadel, deren Stärke du noch herausfinden musst. Löse dich dabei von auf den Banderolen empfohlenen Nadelstärken und auch von der angegebenen Nadelstärke der Anleitung. Diese ist lediglich eine Angabe, mit welcher Nadelstärke das Modell gestrickt wurde und kann bei dir eine ganz andere sein. Finde deine individuelle Nadelstärke heraus, indem du solange ändern, bis du auf die Maschenprobe der Anleitung kommst.

Mit welcher Nadelstärke du auf die richtige Maschenprobe kommst, ist von deiner individuellen Strickweise abhängig, das heißt, ob du normal, fest oder locker strickst. Auch das Material der Stricknadel kann die Maschenprobe beeinflussen, denn Bambusnadeln können ein anderes Ergebnis hervorbringen als Metallnadeln, runde Nadeln stricken anders als eckige – um nur einige Beispiele zu nennen. Es hilft also nichts: Du musst das ausprobieren.

 

Über Geschmack lässt sich nicht streiten

Doch was ist, wenn du zwar auf die Maschenprobe der Anleitung kommst, dir aber das Ergebnis nicht gefällt? Vielleicht ist dir das Gestrick zu fest oder viel zu locker? Das kann passieren, denn die „Geschmäcker“ sind verschieden. Derjenige, der das Modell entworfen hat, muss nicht unbedingt die gleichen Vorlieben haben wie du – ganz ohne Wertung. Du kannst also die Maschenprobe an deinen Geschmack anpassen, doch auch hier gilt der Grundsatz: Solange sich deine Maschenprobe nicht mit der Maschenprobe der Anleitung deckt, kannst du die Anleitung nicht abstricken, sondern musst umrechnen.

 

Ein Wort über den weiteren Verlauf beim Stricken

Ich komme auf die Grafik zurück, zu wieviel Prozent meiner Meinung nach die unterschiedlichen Arbeitsschritte zum Gelingen eines Strickmodells beitragen. Wie du siehst, ist dort das Nachhalten aufgeführt, mit dem nicht unerheblichen Anteil von 10 Prozent. Mit „Nachhalten“ ist das stete Kontrollieren aller Maße während es Strickens gemeint. Mess kontinuierlich nach, ob sich dein gestricktes Maße noch mit den Maßangaben des Schnittes deckt. Denn – und ich hoffe, das frustriert jetzt nicht allzu sehr – trotz sorgfältigster Vorbereitung kann sich deine Maschenprobe verändern, wenn eine größere Breite gestrickt wird.

Handstrick ist eben, und das ist ja auch das Schöne, nie vollständig theoretisch zu erfassen, und vieles entsteht erst während des Tuns.

Um dir auf deinem Weg zum Experten den Ablauf bei der Vorbereitung auf ein Strickprojekt zu erleichtern, habe ich auch hier ein Arbeitsblatt entwickelt, das alle Schritte auflistet, und auf dem du abhaken kannst oder Notizen machen kannst.

Unter folgendem Link kannst du es kostenlos herunterladen Downloadlink ->

 

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